Wie Natur die kindliche Entwicklung fördert

FREITAG, 21.09.2018

Ab nach draußen: Egal ob Regenwetter, Sonnenschein, Wind oder Schnee – Kinder müssen draußen spielen! Ein Wildnis- und Erlebnispädagoge erzählt uns warum.

Kinder lieben die Natur: Sie können durch Pfützen springen, durch Laubberge rennen oder Matschepampe durch die Finger glitschen lassen. Dabei ist es ihnen völlig egal, welches Wetter gerade herrscht. So lange sie gut angezogen sind, sich warm und wohlig fühlen, werden die Kleinen zu echten Outdoor-Füchsen. Tatsächlich sind es meist eher die Eltern, die die Kleinen bei Regen oder klirrender Kälte lieber im geheizten Kinderzimmer sehen oder den Spielplatzbesuch nach einer viertel Stunde beenden. Dabei ist nichts so schön für Kinder, wie die Natur in all ihren Facetten zu entdecken.

Wir haben uns gefragt, warum das so ist und wie genau die Kids in ihrer Entwicklung von der Natur profitieren. Deswegen haben wir Wildnis- und Erlebnispädagoge Thomas Rothe zum Interview getroffen. Der 32-Jährige leitet seit fünf Jahren den Waldkindergarten im bayerischen Poing, nahe München. Eigene Kinder hat er noch keine, erlebt aber seine kleinen Schützlinge tagaus tagein in der freien Natur: "Ich liebe es im Wald zu sein, die Kindern beim Entdecken der Natur zu beobachten, mit ihnen die Welt erkunden, ihnen ein guter Bezugspartner zu sein und ihnen die Achtsamkeit gegenüber den Pflanzen und Tieren nahezubringen." Gerade das Konzept Waldkindergarten stößt bei vielen Eltern auf großes Interesse. Thomas Rothe weiß auch warum: "Im Vergleich zum Hauskindergarten sind unsere Kinder wesentlich ausgeglichener, entspannter und sozialer. Die Atmosphäre ähnelt eher den Strukturen einer Großfamilie oder einer großen Gruppe gleichaltriger im Dorf." Doch nicht nur im Waldkindergarten profitieren die Zwerge von der Natur.

Auch im Alltag, draußen beim Spielen oder im Wald mit den Eltern, erleben Kinder in der Natur besonders wertvolle Momente, wie uns Herr Rothe erklärt:

1. Die Natur überflutet Kinder nicht mit Reizen. Die Reize der Natur sind dem Menschen seit Jahrtausenden vertraut. Sie beruhigen eher. Nicht umsonst gibt es Entspannungsmusik mit Vogelklängen für stressgeplagte Großstädter.

2. Die Natur akzeptiert die Kinder so wie sie sind. Es gibt für jedes Kind Spielmöglichkeiten, egal ob man 2/3/4/5 oder sechs oder älter ist. Dabei wird die Fantasie angeregt, wenn etwa ein Stock eine Rakete, ein Auto oder eine Schlange sein kann. Die Natur verurteilt Kinder nicht, die Natur ist nicht perfekt und Kinder müssen es auch nicht sein.

3. Kinder spüren und erfahren die Jahreszeiten und die Elemente am eigenen Körper. Sie können alles anfassen, daran riechen, es brechen oder werfen. Dabei wird unglaublich viel Information in den kleinen Köpfchen abgespeichert.

Klingt ganz so, als könnten unsere Kinder nicht genug Zeit draußen verbringen. Auch Thomas Rothe ist ein leidenschaftlicher Verfechter von mehr Naturerfahrung für Kinder, wie in unserem Interview schnell deutlich wurde.

Herr Rothe, Sie betreuen ihre Kindergartenkinder in freier Natur. Warum ist das Spielen draußen für Kinder so wichtig und was lernen sie dabei?

"Wenn Kinder in der Natur spielen wird ihre Fantasie angeregt. Wir arbeiten spielzeugarm. Das heißt, wir benutzen eher Spielzeug, dass als Werkzeug genutzt wird. Also Seile, Töpfe, Schüsseln und so weiter. So müssen die Kinder überlegen was sie damit machen. Ein Spielzeugauto oder ein Schwert zum Beispiel gibt durch seine Form bereits seine Funktion und seine Benutzung vor. Ein Holzklotz oder ein Stock können auch ein Auto oder Schwert sein. Aber im nächsten Moment eben auch ein iPad, ein Handy, ein Hocker oder ein Rührstab. Das fördert die kindliche Fantasie und ermöglicht ihnen freier zu spielen. So gibt es im Wald viel mehr Spielmöglichkeiten als im Haus. Der Hirnforscher Gerald Hüther und der Kinderarzt Renz-Polster, der Umweltaktivist Richard Louv oder Clemens Arvay haben auf dem Gebiet der Bedeutung der Natur für die kindliche Entwicklung hervorragende Forschung betrieben und auch sehr informative Bücher veröffentlicht. Diese Forschungen bestätigen unsere Beobachtungen im Wald. Die Heilungskräfte der Natur etwa benennt Arvay als den Biophiliaeffekt: Der reine Aufenthalt im Wald wirkt heilsam. Ich habe das an mir gemerkt. Als ich vom Hauskindergarten in den Wald wechselte, senkte sich mein Blutdruck und ich war nachmittags entspannter. Trotz mehr Kindern und mehr Verantwortung. Die Japaner nennen das Waldbaden, oder "Shinrin yoku"."

Das klingt tatsächlich wunderbar. Aber kommt die Vorbereitung auf die Schule dabei nicht zu kurz?

"Im Wald werden die Kinder genauso auf die Schule vorbereitet wie alle anderen Kindergartenkinder auch. Wir arbeiten nach dem bayrischen Bildungs- und Bertreuungsplan. Die Kinder erfassen Zahlen und Mengen beim Spielen, vergleichen Stöcke und Steine, suchen Unterschiede bei Insekten und Schnecken, suchen Formen in der Natur oder zeichnen in der Erde. Sie formen Körper aus Schnee und Schlamm, zählen Kinder und lernen so spielerisch Mathe. Wir singen und musizieren mit den Kindern, basteln Instrumente aus Naturmaterialien, gestalten Deko aus Weide, flechten mit Binsengräsern, schnitzen Stöcke oder malen. Dabei werden die Kinder durch Pflanzen und Tiere zum Gestalten angeregt und malen oder basteln das nach."

Verändert das intensive Leben mit der Natur das Verhältnis der Kinder zu ihr?

"Wir erleben den Jahreskreis und die Jahreszeiten hautnah. Im nahen Wildpark erfahren wir wie die Tiere leben. Wir sehen durch die wöchentlichen Besuche wie sie wachsen und streicheln Schafe, Rotwild und Co. Die Kinder bekommen so eine achtsame Sichtweise auf die Natur. Wenn wir im Bauwagen oder draußen Brotzeit machen, sehen wir im Winter Amseln, Kleiber, Meisen oder andere Vögel an der Futterstation. Hin und wieder besucht uns ein Reh oder wir sehen das Eichhörnchen, das im Kindergarten seinen Kobel hat, bei der Futtersuche. Bei solchen Gelegenheiten vermitteln wir das Wissen spielerisch. Auch wie man die Pflanzen nutzen kann. Und wenn wir Müll finden, sammeln wir ihn ein. Ich denke es ist verloren gegangenes Allgemeinwissen, das so wichtig ist. Vor einigen Jahren hatte ich eine Praktikantin, 14 Jahre, die ich darauf hinwies, dass an der Fichte Harz ist und dass das schlecht von der Kleidung abgeht. Da schaut sie mich an und fragt was denn Harz ist. Unsere Kinder müssen nicht den Unterschied zwischen einer Stieleiche und einer Traubeneiche kennen, aber was eine Buche, Eiche oder Kastanie ist, wie die Früchte und Blätter aussehen, dass sollten sie schon wissen."

Wie profitieren die Kinder körperlich von der Natur?

"Die Kinder profitieren körperlich sehr vom Wald und der freien Natur. Sie können und dürfen klettern. Jeder in seinem Tempo und was er sich zutraut. Sie lernen sich im Wald zu bewegen ohne zu stolpern, zu balancieren oder sie können durch den großen Raum auch rennen. Das fehlt den Kindern im Haus oft. Häufig wird Jungs die sich nicht austoben können, ADHS diagnostiziert. Dabei wollen sie nur sich bewegen. Richard Louv beklagt das unter anderem als Natur-Defizit-Syndrom. Das Vitamin N, also die Natur, hilft bei vielen Volkskrankheiten. Auch wir beobachten, dass die Kinder relativ ausgeglichen sind. Klar sind sie auch krank, haben Sorgen, Probleme und Streit. Aber das ist normal. Wir wollen sie ja aufs Leben vorbereiten.  Außerdem: Wenn Kinder bereits im jungen Alter ihre Fähigkeiten und Grenzen kennenlernen, erlangen sie die so wichtige Risikokompetenz. Das heißt, sie wissen ihren Körper und ihre Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. So müssen sie später in der Pubertät keine Grenzüberschreitungen machen und ihre Grenzen ausloten. Davon profitierten letztendlich alle. Bei uns können die Kinder das Klettern lernen, wir beobachten sie und oft glauben mir Eltern nicht, wenn ich sage, dass ihre Tochter heute da oben auf dem Baum war. Auch muss ich auf dem Spielplatz nicht ständig hinter Kindern stehen und sie aufs Klettergerüst hochschieben. Da wo Kinder selbst hochkommen, kommen sie auch runter. So werden sie selbstständiger."

Kinder können sich also in der Natur austoben, stark und sicher werden. Aber welche Sinne werden in der Natur angesprochen und wie fördert das die Entwicklung der Kinder?

"Im Wald und in der Natur generell werden alle Sinne angesprochen. Die Kinder beobachten Tiere und analysieren Insekten, Blüten oder die Erde. Sie spüren Wind, Sonne, Kälte und Wärme, spüren beim Barfußlaufen den Waldboden oder üben beim Balancieren den Gleichgewichtssinn. Sie riechen Blätter, Blüten, das Getreide auf dem Feld nebenan oder viel mehr."

Kommt dabei die Feinmotorik nicht zu kurz?

"Nein, die Feinmotorik kommt nicht zu kurz. Wer mal mit Binsengräsern geflochten hat, weiß wie vorsichtig man dabei sein muss. Auch schnitzen hilft, mit Schlamm formen und matschen."

Matsch und Schlamm sind ja nicht immer vorhanden. Womit sollen die Kinder draußen spielen, wenn keine Spielzeuge da sind?

"Wenn Kinder Zeit haben, lernen sie mit allem zu spielen. Sie brauchen erstmal Zeit, sich mit der Natur vertraut zu machen. Das dauert oft 2-3 Tage. Davon sollten sich Eltern nicht entmutigen lassen."

Apropos Matsch, die "Matschküche" ist derzeit schwer angesagt. Hat sie wirklich so viele Vorteile?

"Das Matschen ist evolutionsbiologisch tief in uns angelegt. Es spiegelt die Idee der göttlichen Schöpfung wieder. Kinder können aus Lehm fast alles formen. Auch wenn es für uns nicht so aussieht, von Kindern habe ich Schlösser, Feuerwehrautos und Schneesoldaten bekommen. Im Juni gibt es den internationalen Matschtag. Dieses Jahr haben wir Mud-Pies, also Schlammkuchen gemacht. Dabei sind wahre Kunstwerke, mit Blüten verziert, entstanden. Total genial. Die Kinder spüren den Schlamm zwischen Händen und Zehen, lernen wie sich die Konsistenz durch Wasser oder Sand verändert und spüren so unmittelbar, wie ihr Tun das Produkt verändert. Die Natur reagiert sofort und direkt auf das Tun der Kinder. Sie erleben unmittelbar ein Feedback und erkennen ihre Selbstwirksamkeit. Das steigert ihr Selbstbewusstsein."

Okay Sommer, Matsch, Sonne – das klingt natürlich cool. Aber kann ich bei jedem Wetter mit meinem Kind rausgehen? Was macht mein Kind draußen, wenn es regnet?

"Ja man kann bei jedem Wetter rausgehen. Oft fühlen sich die Kinder bei Regen wohler als wir. Kinder sollten dazu richtig angezogen sein. Dann sind Kälte, Regen, Sonne oder Wind kein Problem. Nur Gewitter empfehlen wir nicht. Es ist immer wieder eine Freude, Kindern dabei zuzuschauen, wenn Kinder mit Anlauf in Pfützen springen. Wie sie staunen, wie hoch und weit das Wasser spritzt. Auch bei Kälte Dinge aus Schnee und Eis zu formen, Schnee zu färben, auf Eis zu schlittern. Das alles macht riesigen Spaß. Wichtig ist, dass man als Erwachsener ein gutes Vorbild ist. Wenn man selbst nicht raus will, wird man sein Kind schwer motivieren können. Also sollte man über seinen eigenen Schatten springen und selbst nach draußen gehen wollen."

Dreck überall, Schiefer, stolpern, Erkältungen, Sonnenbrand, Zeckenbisse … Sind Kinder, die viel draußen sind nicht ständig krank oder tun sich weh?

"Die Kinder im Waldkindergarten verletzen sich auch beim Schnitzen, rutschen beim Klettern vom Baum oder schürfen sich auf. Sehr selten haben sie eine Zecke. Doch dann trösten wir die Kinder, verarzten sie und dann geht es wieder los. Wenn ich die Kinder vor jeder Gefahr schütze, dann erleben Kinder nichts. Nach Verletzungen sind Kinder besonders vorsichtig und lernen sorgsames Spielen. So erlernen sie den nächsten Entwicklungsschritt."

Was tue ich, wenn mein Kind nicht rausgehen will, oder besser: Wie motiviere ich mein Kind dazu? 

"Kinder kann man durch ein gutes Vorbild motivieren oder indem man vielleicht ein paar Freunde mitnimmt. Auch gibt es Naturspielplätze, man kann Geocaching machen, einen einfachen Hindernislauf versuchen oder sich einfach mit Freunden zum Picknick im Wald treffen. Es gibt überall Natur. Auch in Parks, an Flüssen oder im Wald am Stadtrand kann man spielen. Wer einen eigenen Garten hat, sollte die Kinder dort unbedingt toben, entdecken und mithelfen lassen."

Da bleibt uns nur noch eins zu sagen: Kinder einpacken und ab nach draußen! 

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Getty Images / PavelPV

MeinSpatz Gezwitscher

Hast du Lust noch mehr über das Thema zu erfahren? Der amerikanische Journalist Richard Louv traf mit seinem Buch "Das letzte Kind im Wald" einen Nerv bei vielen Eltern. Darin erklärt der Autor, warum die Natur für die Entwicklung unserer Kinder so enorm wichtig ist. Absolute Leseempfehlung!

Und wer nicht weiß, was er mit seinem Kind im Wald tun soll, findet bei Mütterimpulse ein paar gute Ideen.