Erfahrungsbericht: Schwanger nach der Fehlgeburt

MONTAG, 04.02.2019 Andrea Huber

Freude, Hoffnung, Angst und Unsicherheit begleiteten mich durch meine zweite Schwangerschaft, nachdem ich unser Mädchen in der 16ten Woche verloren hatte.

Es waren gut zehn Monate vergangen. Wochen voller Trauer und Wut, voller medizinischer Untersuchungen und seit Kurzem wieder voller Hoffnung. Wir hatten unser erstes Kind in der 16ten Woche verloren, besser gesagt, wir hatten die Schwangerschaft bewusst beendet, da unser Mädchen nicht lebensfähig war. Von Beginn der Diagnose, über alle medizinischen Untersuchungen bis hin zum Abbruch drei Tage nach Weihnachten, fühlte ich mich wie in einem dicken schweren Nebel, der mir die Luft zum Atmen nahm. Die Wochen danach waren unglaublich hart, an manchen Tagen war der Schmerz kaum auszuhalten. Erst nach Monaten sah ich mich in der Lage, überhaupt wieder über eine neue Schwangerschaft nachzudenken. Dann, nach mehr als einem Dreivierteljahr, war es soweit: Der Test war positiv.

Ich wollte einen Neuanfang

Mit meiner Vorgeschichte bekam ich sehr schnell einen Termin bei meinem Frauenarzt. Ich war nervös und unruhig, aber auch total happy. Alles war in Ordnung, ich war in der fünften Woche, alles normal – bis jetzt. Mein Arzt machte mir viel Mut und nahm sich eine Menge Zeit. Ich war während meiner ersten Schwangerschaft zwar in der gleichen Praxis, aber bei seiner Kollegin gewesen. Jetzt wollte ich lieber einen anderen behandelnden Arzt. Nicht, weil ich mit meiner Ärztin zuvor nicht zufrieden war, sondern weil ich einfach einen Neuanfang wollte. Trotzdem kannte mein aktueller Arzt meine Geschichte gut, das half mir. Er beruhigte mich, ohne die Vergangenheit einfach so abzutun. 

Ich brauchte ein Symbol 

Ich war happy. Irgendwie hatte ich ein gutes Gefühl. Wir waren jetzt einmal durch die Hölle gegangen, das würde uns nicht noch mal passieren. Das wäre ja schon extrem unwahrscheinlich, oder? ODER? So ganz überzeugt war ich wohl doch nicht. Ich hatte das Gefühl, die Schwangerschaft "bestätigen" zu müssen. Ich dachte, wenn ich dem Universum klar mache, dass ich an dieses Baby glaube, dann würde ich es auch behalten dürfen. Ja, ich weiß, klingt ziemlich schräg. Aber so empfand ich nun mal. Also spazierte ich schnell in den nächsten Drogeriemarkt und besorgte einen kleinen Schnuller. Er war hellgrün und in der Mitte weiß mit bunten Punkten, der Sauger durchsichtig. Ich fand ihn so wunderschön und packte ihn gleich aus. Auf dem Weg nach Hause hielt ich ihn fest in meiner Hand. Ich konnte ihn irgendwie nicht loslassen. Zu Hause angekommen, legte ich ihn auf das Waschbecken im Bad. Dort blieb er liegen. Als Zeichen für mich, als Symbol für mein Kind und als Glücksbringer.

Alle sollten es wissen

Ich wollte allen mitteilen, dass wir wieder ein Baby erwarten. Es war mir egal, dass ich noch ganz am Anfang stand. Irgendwie musste ich es für mich real machen, klarstellen, dass es echt ist und dieses Kind bei uns bleibt. Also riefen wir Eltern, Schwiegereltern und Tanten an und auch ein paar enge Freunde. Alle freuten sich riesig und jedes darüber Reden machte es greifbarer für mich. Die Zeit verging und alles war gut, das Baby entwickelte sich prima. Dann kam der Ultraschall in der SSW 12, der beim letzten Mal alles veränderte. Damals hatte die Ärztin Unregelmäßigkeiten festgestellt: Die Nackenfalte war auffällig dick, es folgten Fruchtwasserpunktion, drei Wochen lang ein Test nach dem anderen … bis die Diagnose klar war: Trisomie 18, schwerer Herzfehler, nicht oder nur teilweise ausgebildete Organe. "Ihr Kind wird nicht lebensfähig sein." Dann der Entschluss, die Schwangerschaft in der SSW 16 abzubrechen. Doch diesmal war es anders. "Alles prima, ihr Baby entwickelt sich genauso wie es soll." Ich erinnere mich, dass mir noch auf der Liege die Tränen über die Wangen liefen und mein Arzt mir fest die Hand drückte: "Entspannen Sie sich, alles wird gut." Als ich an diesem Tag die Praxis verließ, schwebte ich wie auf Wolken. Ich lief durch die Straßen und konnte nicht aufhören zu grinsen. Ich kaufte unseren ersten Strampler: einen kuschelig weichen Superman-Anzug.

Ein Kind zu haben ist nicht selbstverständlich

Im Sommer war es dann soweit. Am Abend des ET setzten die Wehen ein und heftige 23 Stunden später war unser wunderschöner Sohnemann da. Den Schnuller, den ich zu Beginn der Schwangerschaft gekauft hatte, nahm ich mit ins Krankenhaus. Was soll ich sagen, er liebte ihn von Anfang an. Ich habe ihn immer noch. Er liegt bei mir im Bad in der Schublade. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, erinnere ich mich an die Angst, die Hoffnung und das Glück. Denn nach der ersten schrecklich traurigen Erfahrung und dem Verlust, leben wir jetzt mit zwei gesunden, wilden und witzigen Jungs unter einem Dach. Das hätte ich damals nie für möglich gehalten. Unser erstes Kind war übrigens ein Mädchen. Und das Erlebte hat mich verändert: Ich bin dankbarer für das, was ich habe und rege mich weniger über Dinge auf, die ich nicht ändern kann. Die Gesundheit meiner Kinder, meiner Familie geht mir über alles. Das Wissen, dass das alles nicht selbstverständlich ist, hilft mir über so manchen Tag voller Wutausbrüche und Trotzanfälle hinweg. Wir haben lange überlegt, ob wir noch ein drittes Kind bekommen sollen. Ich wollte sofort. Mein Mann war vorsichtiger: "Jetzt haben wir zwei gesunde Kinder, du bist gesund, die Geburten liefen gut. Lass uns das einfach genießen und nicht wieder zittern." Wow. Mir war nie wirklich bewusst gewesen, wie auch er unter der Diagnose gelitten haben muss. Er wollte immer ein Mädchen. Damals war mein Mann aber mein Fels in der Brandung, immer für mich da. Seine Wut und Traurigkeit hatte ich nie auf dem Schirm. Er hate Recht. Wir sind glücklich. Wir sind gesund. Und wenn ich ehrlich bin, sind die zwei Vorstadt-Indianer ab und an ganz schön anstrengend. Zum Glück ...

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Unsere Autorin erzählt wie sie nach einer Fehlgeburt dem Universum klar gemacht hat, dass das zweite Kind jetzt bleibt. Was ein Schnuller damit zu tun hat, liest du hier.

MeinSpatz Gezwitscher

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Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.