Ernährung in der Schwangerschaft - 40 Wochen Verzicht?

DIENSTAG, 15.10.2019 Tina

Endlich schwanger und ohne schlechtes Gewissen für zwei essen, herrlich! Aber leider ist das Leben selten fair, denn die Ernährung während der Schwangerschaft ist gespickt mit Verboten - ein ganz persönlicher Leidensbericht über neun Monate Verzicht.

Es ist die einzige Zeit im Leben einer Frau, in der man glücklich über einen wachsenden Bauch ist! Eine magische Zeit, in der man freudig auf die nächsthöhere Jeansgröße wechselt, voller Stolz stützende mausgraue Unterhosen bis zum Brustansatz trägt und den gemütlichen Kuschelpulli vom Partner nicht nur zum Gammeln auf der Couch benutzt, sondern völlig vorurteilsfrei zur Ausgehmode befördert. Essen ist jetzt erlaubt! Nachts um zwei Uhr Hunger auf Pommes von McDonalds? Dein Bauch ist die Berechtigung. Auch noch die zweite Portion Spaghetti Bolognese? Du isst ja auch für zwei. Dass der tägliche Energiebedarf einer Schwangeren nur ca. 200-300 Kalorien über dem einer nicht schwangeren Frau liegt, was ungefähr einem Scheibchen Brot mit fettarmer Wurst oder einem Becher Joghurt mit Obst entspricht, muss man ja nicht laut erzählen.

Ich war jedenfalls happy, als der Arzt mir den winzigen Punkt auf dem Ultraschall gezeigt hat, der gut und gerne auch ein Kratzer im Bildschirm gewesen sein könnte, hätte er nicht so wild pulsiert. Natürlich weil ich hier eigenständig innerhalb der nächsten acht Monate neues Leben produzieren würde, so komplett mit Fußnägeln und Augenlidern, unheimlich faszinierend, das Wunder der Schöpfung, aber insgeheim auch, weil ich mich auf eine hedonistische Zeit der Völlerei ohne schlechtes Gewissen freute. Ich bin zwar grundsätzlich jemand, der ganz selbstbewusst mit einer "fraulicheren" Figur lebt, aber die nervige gemeine Stimme mit Modelmaßen, die mir bei der Bestellung des Schokoladen-Desserts ins Ohr flüstert, kann auch ich nicht abstellen. Jetzt war ich also schwanger und bereit für entspannte neun Monate Essen ohne Schuldgefühle. Und dann hat mir mein Arzt eine Infobroschüre zum Thema Ernährung in der Schwangerschaft mitgegeben.

Von Toxoplasmose, Listeriose und Salmonellen

Die Nahrungsmittel-Verbote machen die Schwangerschaft zu einem 40-wöchigen Spießrutenlauf durch die Welt der Ernährung. Grundsätzlich muss man sich über drei Krankheiten Sorgen machen, denn die können dem Baby schaden:

  • Listeriose
  • Toxoplasmose
  • Salmonellen

Listerien, das sind die Listeriose Bakterien, befindet sich vor allem in roher Milch und allen Produkten daraus. Deswegen sollte man Käsearten, die aus Rohmilch hergestellt werden, in der Schwangerschaft meiden. Ebenso Weichkäsesorten, wie Camembert oder Brie. Hartkäse ist zwar oft aus Rohmilch hergestellt, aber durch seine lange Reifung nicht mehr gefährlich, z.B. Parmesan. Ich habe Stunden vor dem Kühlregal verbracht, Etiketten genau studiert und die nette Dame an der Käsetheke zur Verzweiflung getrieben um dann wimmernd im Supermarkt zusammenzubrechen, ein Stück Camembert in der Hand und laut "WAARUUUUM" schreiend. Der Käse-Verzicht war besonders schlimm für mich. Und dieses ständige Nachdenken: Mozzarella aus der Packung ist erlaubt, der gute Büffelmozzarella von der Theke aber nicht. Aber wenn ich ihn jetzt auf die Pizza lege und heiß mache müsste es doch gehen, oder? Oder gehe ich mit dem Genuss einer Büffelmozzarella-Pizza ein zu großes Risiko ein und bekomme bereits vor der Geburt den Stempel "Schlechte Mutter"? Lieber in ein Stück Gouda (ohne Rinde) beißen. Ist zwar fade, aber sicher. 

Der Käse war schon schlimm, aber dann stellte ich fest, dass meine geliebte Salami auch auf der schwarzen Liste stand. Bei Fleisch- und Wurstwaren spielt der Toxoplasmose Erreger eine Rolle. Er kann in rosa gebratenem Fleisch vorkommen, in rohen Wurstsorten und auch in rohen Pökelfleischerzeugnissen. Dazu gehören Parmaschinken und Salami. Erneuter Zusammenbruch im Supermarkt, diesmal vor der Wurst-Theke. Einziges Schlupfloch: Man kann beim Frauenarzt einen Toxoplasmose Test machen. Wenn man sich vor der Schwangerschaft unwissend schon mal infiziert hatte (merkt man meistens nicht, weil bei gesunden Menschen selten Symptome auftauchen), ist man immun. Jetzt ratet mal, ob ich zu den glücklichen Gewinnern zählte? Zur Feier des Ergebnisses habe ich mir ein gut durchgebratenes Steak gegönnt.

Der Fairness halber muss man allerdings sagen, dass auch immune Frauen in der Schwangerschaft rohes Fleisch meiden sollten, denn neben der Toxoplasmose können sich darauf auch Listerien tummeln. Oder der dritte Erreger im Bund der Spielverderber: Die Salmonellen. Gut, dann halt keine rohen Eier habe ich gedacht. Kann ja nicht so dramatisch sein, ich bin sowieso kein Dessert-Fan. Allerdings war ich im Sommer hochschwanger und dass ich mir bei 35 Grad im Schatten nicht einfach so ein Eis an der Ecke kaufen konnte, hat mich schon geärgert. Ich habe dafür jede Menge Wassermelone verzehrt, das war mein Schwangerschaftsgelüst. Glücklicherweise ein sicheres Nahrungsmittel. Außer, der Ehemann schneidet die Melone auf dem gleichen Holzbrett, auf dem vorher das rohe Hühnchen fürs Abendessen zerteilt wurde. Aber so was passiert ja nicht.

Ich möchte noch erwähnen, dass ich hier meinen ganz persönlichen Leidensweg beschreibe. Es gibt noch jede Menge andere Lebensmittel, die nicht oder nur in Maßen erlaubt sind. Zum Beispiel Sushi aus rohem Fisch oder Kaffee. Aber zum Glück war ich schon immer eher der Kakao-Fan und der war erlaubt. Auch wenn ich mir den Schuss sparen musste.  

Ich habe also nicht nur wegen meiner wunderbaren Tochter Matilda auf die Geburt hingefiebert, sondern auch, weil dann endlich wieder alle Verbote aufgehoben waren. Noch im Krankenhaus habe ich die erste Salami verzehrt – die beste meines Lebens! Ich wollte sie mit einem Glas Sekt runterspülen, aber dann tauchte die Stillberaterin auf. Und gab mir eine Infobroschüre mit den verbotenen Lebensmitteln während der Stillzeit. Verdammt …

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Schwanger sein ist toll, hat aber auch seine Tücken. Vor allem beim Ernährungsplan. Denn leider sind viele Nahrungsmittel nicht erlaubt. 

Gezwitscher

Neben den klar nachvollziehbaren Verboten sind einige Hinweise leider oft schwammig oder dramatisiert. Beim ersten Kind ergoogelt man sich häufig Informationen, was dazu führen kann, dass man sich am Ende nur noch von Wasser und Brot ernährt. Ein frischer Apfel geht, aber aufgrund der Listeriose-Gefahr bitte mindestens drei Minuten waschen? Oder lieber schälen? Aber die meisten Vitamine sitzen doch unter der Schale, oder? Das praktische bereits geschnittene Obst aus dem Supermarkt kaufen? Da kann ich scheinbar gleich eine Flasche Whisky trinken, das hat den gleichen Effekt auf das Baby. Wie bei vielen anderen Dingen in der Schwangerschaft gilt auch hier: Ein bisschen locker machen!

Tina

Tina lebt mit Mann und Tochter in München, backt den besten Marmorkuchen der Welt und wollte lange keine Kinder. Dann kam Matilda. Jetzt findet sie Kinder ganz in Ordnung, zumindest ihr eigenes. Ach ja, und sie plädiert für mehr Humor und Selbstironie in der Erziehung.