Mama übt noch: Schlechte Nachricht beim Ultraschall

MITTWOCH, 26.12.2018 Patricia Renoth

Unsere Kolumnistin Patricia Renoth erzählt dieses Mal von unsensiblen Frauenärzten, zu vielen Wahrscheinlichkeiten und dem Fluch und Segen der modernen Medizin.

Die moderne Pränataldiagnostik ist wunderbar. Sie rettet viele Leben und ein Kind zu bekommen ist heute wahrscheinlich so sicher wie nie zuvor. Aber das Ganze hat seine Schattenseiten. Denn durch die engmaschige Überwachung sind Schwangere wahrscheinlich auch so unsicher wie nie zuvor. Jede kleinste Abweichung wird entdeckt, dokumentiert und oft wird sie einem ungefiltert vor den Latz geknallt. Dazu später mehr. Die häufigen Kontrollen sind wirklich toll, aber manchmal verliert man dadurch auch ein bisschen das Vertrauen in sich selbst und den eigenen Körper.

Die Diagnose hat mich total überrollt

Ich habe immer regelrecht auf die Ultraschalltermine hingefiebert. Denn nur dann war es real. Ich sah und hörte, dass es meinem Baby gut ging. Das erschien mir irgendwie sicherer, als auf das eigene Gefühl zu setzen. Aber was ist schon wirklich sicher? Das wurde mir plötzlich auf der Untersuchungsliege der Frauenärztin nur zu bewusst, die mir mit ernster Miene mitteilte: „Eine Niere des Embryos ist vergrößert. Der Wert liegt über dem Grenzbereich. Das müssen wir jetzt beobachten.“ Boom. Das schlug ein wie eine Bombe. Und ich hatte wirklich Glück mit meiner Ärztin. Denn sie versicherte mir gleich danach, dass das eine reine Vorsichtsmaßnahme sei. Die Wahrscheinlichkeit wäre hoch, dass sich das im Laufe der Schwangerschaft wieder „verwächst“. Aber trotzdem stieg diese Furcht in mir auf, die sich anfühlte wie ein realer Schmerz in meiner Brust. „Das muss ein Irrtum sein. Bisher war doch alles in Ordnung“, dachte ich. Ich wollte nur, dass die Ultraschalluntersuchung wie jedes Mal zuvor bestätigte, dass alles gut war. Das mit dem kleinen Wunder in meinem Bauch alles in Ordnung war. Und dann kamen auch sofort die Zweifel. „Habe ich irgendetwas falsch gemacht in der Schwangerschaft? Hätte ich das verhindern können?“ Und natürlich versuchte ich mir ganz logisch immer wieder vorzusagen, dass es nur ein Kann war und kein Muss. Dass so eine Abweichung immer mal vorkäme. Aber trotzdem ist in diesem Moment das Schlimmste eingetreten, das es gibt: Jemand den du liebst ist vielleicht in Gefahr. Und das „vielleicht“ rückt erst mal meilenweit in den Hintergrund.

Ich wusste, dass mich mein ungeborenes Baby gerade jetzt braucht

Was folgte waren viele Arztbesuche, u. a. bei einem Spezialisten. Die Entwicklung der Organe meines Spatzes wurde immer wieder kontrolliert. Und ich arbeitete hart an mir selbst. Daran, mir nicht zu viele Was-wäre-wenn-Gedanken zu machen. Daran, mich nicht von möglicherweise unbegründeten Sorgen verrückt machen zu lassen. Daran, nicht nach dem „Problem“ zu googeln. Denn was hilft es mir und was hilft es meinem Kind? Mir war klar, dass es eher das Gegenteil bewirken würde. „Denn wenn ich in ein emotionales Loch falle, dann spürt mein Baby das auch.“ Und dann endlich die Entwarnung. Nach wenigen Monaten hatte sich die Größe des Organs wieder der Norm angepasst. Ich war unendlich erleichtert und dankbar. Aber auch ein bisschen sauer. Denn letztendlich war es viel Aufregung für nichts. Jeder erzählt einem immer wie wichtig es ist, die Schwangerschaft zu genießen und sich möglichst keine Sorgen zu machen. Aber das wird immer schwieriger. Denn durch das ganze Wissen das uns heute offensteht, wächst meiner Meinung nach nicht die Zuversicht, sondern die Unsicherheit. Z. B. wenn man erfährt, dass man etwas gegessen hat, dass man für unbedenklich hielt. Ja, es gibt auch Frischkäse, der aus Rohmilch hergestellt wird…

Warum ich nicht in Tränen ausgebrochen bin

Aber noch einmal zurück zu dem Augenblick, als ich von der ganzen Sache erfuhr. Ich bin nicht in Tränen ausgebrochen. Und das ist wirklich verwunderlich. Denn jeder der mich kennt weiß, wie nah ich am Wasser gebaut bin. Manchmal denke ich sogar, ich bin mittendrin gebaut. Alles Mögliche (und Unmögliche) nimmt mich emotional mit. Bei Filmen ist es besonders dramatisch oder wenn ich bei einer Hochzeit etwas vortragen soll. Es reicht aber auch schon ein besonders schöner Werbespot. Im Radio. Schon werden meine Augen feucht. Dass es in diesem Moment nicht passiert ist, kann ich mir nur an Hand von zwei Punkten erklären. Punkt 1. Wenn irgendetwas wirklich Schlimmes oder Gefährliches passiert, werde ich ganz ruhig und tue was getan werden muss. Wie ein Roboter, der auf Überlebensmodus schaltet. Ein Beispiel. Ich war Teenager. Bei einer Übernachtungsparty kamen wir auf die geniale Idee ein buntes Tuch über einen Deckenfluter zu hängen. Es fing Feuer. Ich riss es herunter und erstickte die Flammen mit einem Teppich. Während meine Freundin völlig erstarrt danebenstand. Was ich auf keinen Fall kritisieren will. Denn meine Reaktion war ja auch nicht mein Verdienst. Mein Körper hat einfach reagiert. Ich kann das selbst nicht genau erklären. Und so war das in dem Behandlungszimmer auch. Ohne mein Zutun habe ich in den Überlebensmodus geschaltet. Und das hat mir wirklich geholfen mit dieser Sache umzugehen. Denn gerade in solchen Momenten braucht auch das Baby Halt. Es braucht Zuversicht. Und ich wusste, dass ich ihm das Gefühl geben wollte, dass wir das gemeinsam schaffen werden, egal was kommt. Der zweite Punkt ist meine Ärztin. Sie hat eine gewisse Gelassenheit und auch Empathie ausgestrahlt. Und das ist, wenn ich mich so im Familien- und Bekanntenkreis umhöre eine wirkliche Seltenheit.

Viele Gynäkologen sind zu wenig emphatisch

Denn wie Ärzte mit Schwangeren umgehen, ist manchmal nicht nur unsensibel, sondern regelrecht unmenschlich. Eine sehr heftige Sache ist meiner eigenen Mama passiert. Sie hatte eine Totgeburt im siebten Monat. Ich kann mir nicht mal annähernd vorstellen, wie sich das für sie angefühlt hat. Und als sie dann zur Nachsorge bei ihrem Frauenarzt war, hat der ihr beim Vorgespräch als aller erstes zum Nachwuchs gratuliert. Als ich das gehört habe, war ich wirklich fassungslos. Und nein, das ist nicht ausgedacht. Er wusste von der Totgeburt, er war bei meiner Mutter im Krankenhaus gewesen und hatte auch alle Unterlagen vorliegen. Er war nur einfach in seiner Routine gefangen. Er war nachlässig und schlecht vorbereitet. Ja, Fehler passieren. Aber gerade Gynäkologen sollten doch besonders sensibel sein. Sollten emphatisch sein. Sollten eigentlich auch psychologisch geschult sein. Ich kenne so viele Frauen, die in der Schwangerschaft nach einem Frauenarztbesuch in Tränen aufgelöst waren. Und das nicht wegen der Hormone. Überall gibt es diese Assessment-Center bei Einstellungen. Wie wäre es denn mal mit einem Assessment-Center vor der Facharztausbildung zur Gynäkologie und Geburtshilfe? Das abklärt, ob der angehende Arzt über genug Einfühlungsvermögen verfügt. Also ich wäre dafür.

Welche Schwangerschaft verläuft schon genau im Normbereich?

Ich verstehe, dass Ärzte uns sagen müssen was Sache ist. Denn sie werden schnell mal verklagt, wenn etwas nicht ganz korrekt oder vermeintlich nicht korrekt abgelaufen ist. Und natürlich will man auch wissen, was los ist. Aber die Art und Weise ist wahnsinnig wichtig. Und es betrifft so viele. Ich weiß von kaum einer Schwangerschaft, in der alles ganz regulär abgelaufen ist. Mein eigener Kopf war laut Untersuchung im Mutterleib zu klein. Du kannst mir glauben, mit meinem Kopf ist wirklich alles in Ordnung, zumindest mit der Größe. Meine große Schwester sollte eigentlich mit einer Behinderung auf die Welt kommen. Die Ärzte brachten damals auch das Thema Abtreibung aufs Tablett. Bei meiner Nichte war der Hirnventrikel erweitert. Und bei einer Bekannten war das Baby angeblich im Gesamten viel zu groß. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass alle diese Kinder gesund auf die Welt gekommen sind. Und ich weiß, es hätte ganz anders ausgehen können.

Appell an alle Schwangeren, die schlimme Nachrichten bekommen haben

Ich möchte damit einfach allen werdenden Mamas sagen, die auch eine schlechte Nachricht beim Ultraschall bekommen haben:  Es geht hier immer um Wahrscheinlichkeiten. Nichts ist sicher. Die geringsten Abweichungen können und werden heutzutage erkannt. Lass dich nicht verunsichern. Warte erst einmal die weiteren Tests ab und sieh was die Zeit bringt. Denn dein Baby braucht dich. Und wenn du eine schwere Entscheidung treffen musst oder etwas schiefgeht, dann wünsche ich dir ganz viel Kraft. Hör auf dein Inneres, vertrau dich Menschen an, die dir viel bedeuten. Und besinn dich darauf, dass es immer um das Eine geht. Es geht immer um Liebe. Und die Liebe zu einem Kind hört niemals auf.

Welche schlechten Nachrichten unsere Kolumnistin beim Ultraschall bekam und wie sie damit umging, liest du im Artikel.

MeinSpatz Gezwitscher

Was mir neben meinem körperlichen Autopiloten noch geholfen hat ruhig zu bleiben, war etwas, das ich unter anderem auch bei meiner Arbeit immer wieder gelernt habe: Je mehr man sich über etwas aufregt oder sich von etwas runterziehen lässt, desto mehr schadet man sich meistens selbst. Und noch etwas. Mein Papa hat mir diesen viel zitierten Spruch in mein Poesiealbum geschrieben: „Gott gebe dir die Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die du nicht ändern kannst. Den Mut, Dinge zu ändern, die Du ändern kannst. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Ich glaube Gott hat meinem Vater diesen Wunsch erfüllt. Vielen Dank an beide. Manchmal klappt es zumindest. Mama übt noch.

Patricia Renoth

Sie wünscht sich mehr Toleranz unter Mamas (und natürlich Weltfrieden). Genießt das Leben mit Ehemann, Räubertochter und Kater. Ist keine Latte-Macchiato-Mum sondern von der Chai-Latte-Fraktion. Und mischt als Redaktionsleiterin von Anfang an bei MeinSpatz mit.