Mein Babybauch, die Kompressionsstrümpfe und Ich

MONTAG, 16.07.2018 Andrea Huber

Bisher fühlte ich mich während der Schwangerschaft schön, stark und manchmal sogar sexy. Dann kamen die Kompressionsstrümpfe …

"Sie brauchen ein paar Kompressionsstrümpfe. Ich schreibe Ihnen ein Rezept, damit gehen sie ins Sanitätshaus." Ich war im zweiten Trimester und wollte mit meinem Mann auf zum Babymoon nach Südspanien. Eine Flugreise. Vom Arzt bekamen wir grünes Licht, unserem Baby ging es gut. Nur sollte ich eben unbedingt Kompressionsstrümpfe für den Flug tragen – das lange Sitzen sei nicht so gut in "meinem Zustand". Denn der Hormoncocktail aus Gestagen und Progesteron lockert das Bindegewebe und weitet die Venen, damit mehr Blut durch meinen Körper gepumpt wird. Weiten sich die Venen zu stark, bilden sich Krampfadern. Vereinfacht gesagt, fließt das Blut nicht mehr komplett zurück zum Herzen, sondern bleibt in den Venen zurück – Blutstau nennt sich das. Bei längerem Sitzen, zum Beispiel während einer Flugreise, steigt das Risiko. Na dann, ab ins Orthopädie-Fachgeschäft und Stützstrümpfe kaufen. Allein bei dem Gedanken daran, sinkt mein Sex-Appeal.

Von wegen einfarbige Stützstrümpfe

Doch was die wirklich liebe Verkäuferin aus dem Lager holt, überrascht mich total. Ich dachte an haut- oder fleischfarbene Strumpfhosen, die bis weit über den Babybauch gezogen werden. Dass es auch halterlose Strümpfe in echt genialen Farben und Mustern gibt, finde ich sensationell. Ich entscheide mich für ein tiefrotes Exemplar mit Spitzenbündchen. Das hat was. Gleich werde ich vermessen – die Strümpfe müssen genau passen, damit sie die Venen richtig unterstützen – und darf mein Paar anprobieren. Da verfliegt die Begeisterung auch schon. Sie sind unglaublich eng und sitzen sehr fest. Klar, das müssen sie ja auch. Sie sollen die Blutgefäße zusammenpressen und einen Blutstau oder gar eine Thrombose verhindern. "Das Blutgerinnsel bildet sich in der Schwangerschaft leichter, weil die Hormone in ihrem Körper dafür sorgen, dass das Blut jetzt schneller gerinnt. So schützt ihr Körper sie vor zu viel Blutverlust während der Geburt," erklärt mir die offenbar gut ausgebildete Verkäuferin. Ich finde meinen Körper ja auch toll. Irre, was die Natur so alles eingerichtet hat, wie er sich verändert und ein Baby in mir wachsen lässt. Aber mit diesen engen Dingern, die sich anfühlen als würden sie mir das Blut abschnüren, kann ich einfach nicht herumlaufen. "Sie gewöhnen sich daran, versprochen." Na gut. Ich vertraue ihr.

Die Kompressionsstrümpfe stören mich einfach nur

Ich gewöhne mich nicht daran. Ich nehme mir vor, die verhassten Teile stundenweise zu tragen, um für den Flug gerüstet zu sein. Länger als zehn Minuten halte ich nicht durch. Dann müssen sie runter. Sie sind so unglaublich eng und heiß. Ich habe nicht das Gefühl, gestützt zu werden, sondern eher gefoltert. Auch die Begeisterung über den unerwartet modernen Style der Teile lässt schnell nach. Denn wir haben Frühsommer und es wird jeden Tag ein klein wenig wärmer. Unter lockeren Haremshosen mag es ja noch möglich sein, die Dinger zu tragen. Mit kurzer Hose oder Minirock weigere ich mich allerdings. Wobei ich mir auch nicht vorstellen kann, die Strümpfe im Winter unter einer Jeans anzuziehen. Auf jeden Fall hasse ich meine Kompressionsstrümpfe bereits nach kurzer Zeit aus tiefstem Herzen.

Was sein muss, muss sein

Natürlich trage ich sie doch. Auf dem Flug von München nach Malaga. Ich ziehe sie aber erst an, als das Boarding beginnt. Sobald wir landen und aus dem Flugzeug raus sind, sprinte ich zuerst zur Toilette und ziehe die Kompressionsstrümpfe unter großer Anstrengung wieder ab. Meine Beine sind rot, ich schwitze und ich merke, dass sie in den Strümpfen ein wenig geschwollen sind. Ich denke: "Oh. Dann war es wohl doch sinnvoll die Dinger zu tragen, sonst wären meine Beine vielleicht noch stärker angeschwollen." Trotzdem ist es einfach nur ganz wunderbar, endlich wieder strumpffrei zu sein. Ein Gefühl von Freiheit und vor allem Luftigkeit umspielt meine Beine. Ich war noch nie so glücklich auf einer Flughafentoilette. Ich bin einfach nur befreit. Einmal noch die Prozedur auf dem Rückflug aushalten und es ist geschafft.

Als wir während meiner zweiten Schwangerschaft 18 Stunden lang mit dem Auto nach Schweden fahren, habe ich die Strümpfe wieder dabei. Meine Beine schmerzen, obwohl wir immer wieder Pausen machen und ich aufstehen kann. Diesmal bin ich froh die roten Schläuche dabei zu haben. Ich will sie zwar immer noch nicht tragen, aber ich bin beruhigt, dass sie meine Beine stützen und meinen Venen Halt geben. Dabei finde ich sie immer noch unbequem, heiß und viel zu eng. Ich mache alle paar Stunden Pause und ziehe sie aus. Wir werden einfach keine Freunde mehr, die Stützstrümpfe und ich … Trotzdem würde ich sie wieder tragen. Nicht im Alltag, da habe ich sie nie gebraucht. Aber schwanger auf Reisen, denn die Vorteile für die Gesundheit der Mutter und damit auch die des Babys überwiegen einfach.

Nach unserem zweiten Sohn entschieden wir uns dafür, die Familienplanung abzuschließen. Das ist jetzt zwei Jahre her. Vor einer Woche fand ich die Strümpfe ganz weit hinten im Sockenfach. Versteckt. Ich entschied mich, die verhassten Teile in die Kleidersammlung zu bringen. Als ich sie in die Tüte zu den anderen Klamottenspenden steckte, wurde ich wehmütig … immerhin hatte ich sie getragen, als ich mit meinen wunderbaren Jungs schwanger war … Mamas sind manchmal komisch.

Kompressionsstrümpfe in der Schwangerschaft pin

Besonders schwere Beine machen vielen Schwangeren zu schaffen. Aber müssen Kompressionsstrümpfe wirklich sein? Unsere Autorin hat damit ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht.

MeinSpatz Gezwitscher

Übrigens: Auch nach der Schwangerschaft könnt ihr eure Kompressionsstrümpfe weiterverwenden. Auf langen Autofahrten oder Flugreisen freuen sich die Venen über ein wenig Unterstützung und ihr kommt ohne geschwollene und müde Beine am Urlaubsort an.

Andrea Huber

Lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und einem großen Kind, das sich ab und zu als Papa tarnt, auf dem Land. Die Jungs-Mama entspannt sich beim Schreiben in der Redaktion, denn zuhause geht es meistens sehr laut, wild und ziemlich lustig zu. Sie motzt gern mal über ihre zwei verrückten Rabauken, aber wehe wenn es ein anderer tut. Dann wird sie zur Löwenmami und brüllt zurück.