Rauchen in der Schwangerschaft – aufhören oder reduzieren?

MITTWOCH, 28.11.2018

Ist eine Zigarette in der Schwangerschaft wirklich so schlimm? Oder schadest du deinem Baby sogar, wenn du sofort aufhörst, da es dann einen Entzug durchlebt?

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Wenn du schwanger wirst, während du noch mehrere Zigaretten am Tag rauchst, solltest du nicht plötzlich aufhören, sondern den Konsum langsam reduzieren. Denn während der Schwangerschaft bist nicht nur du selbst auf Entzug, sondern auch dein ungeborenes Kind. Früher gab es Ärzte, die deswegen zu einer langsamen Reduktion anstatt zu einem sofortigen Rauchstopp rieten. Dabei ist das mit Sicherheit der falsche Ansatz, wie uns Dr. Katrin Schaller von der Stabsstelle Krebsprävention/WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle des Deutsches Krebsforschungszentrum erklärt: "Studien zu Abhängigkeitssymptomen beim Ungeborenen oder zur Sinnhaftigkeit einer Reduktion des Tabakkonsums in der Schwangerschaft sind mir nicht bekannt. Entzugssymptome sind beim Raucher in der ersten Woche nach der letzten Nikotinaufnahme am stärksten ausgeprägt und gehen in den folgenden Wochen und Monaten allmählich zurück. Es ist davon auszugehen, dass auch beim Fetus – wenn überhaupt – Entzugssymptome nur vorübergehend auftreten. Bei der Abwägung von vorübergehenden Entzugssymptomen und den nachhaltigen und schädlichen Wirkungen des Rauchens während der Schwangerschaft auf das Kind, erscheinen mir die Entzugssymptome als das kleinere Übel."

Sofort mit dem Rauchen aufhören

Also alles nur Humbug? Es sieht ganz danach aus, denn eine Rauchreduktion für Schwangere wird auch in der aktuell gültigen Leitlinie zur Tabakentwöhnung gar nicht erst thematisiert. "Angesichts der enormen negativen Effekte, die das Rauchen während der Schwangerschaft für den Schwangerschaftsverlauf und den Fetus hat, da jede Zigarette gesundheitsschädlich ist und eine Rauchreduktion ohne nachfolgenden Rauchstopp die Gesundheit nur geringfügig verbessert, ist grundsätzlich ein Rauchstopp besser als eine Reduktion", bringt Dr. Schaller die Sachlage klar auf den Punkt. Sehen wir uns die Auswirkungen von Zigarettenkonsum in der Schwangerschaft genauer an, wird schnell klar, warum.

Jede Zigarette schadet deinem Kind

Weg mit der Kippe! Empfohlen wir also ein sofortiger Rauchstopp. Zahlreiche Studien belegen ganz klar und ohne Deutungsspielraum: Rauchen schadet deinem Baby – und zwar enorm. Punkt 1: Babys von Raucherinnen sind erheblich kleiner. Beim Rauchen gelangen giftige Substanzen wie Nikotin und Kohlenmonoxid in den Blutkreislauf des Babys. So wird die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen erheblich beeinträchtigt. "Das dadurch verminderte Wachstum schlägt sich in einem verringerten Geburtsgewicht und einer verringerten Geburtsgröße nieder. Kinder von Raucherinnen wiegen bei der Geburt durchschnittlich etwa 200 bis 300 Gramm weniger, sind kleiner und haben einen geringeren Kopfumfang als Kinder von Nichtraucherinnen." (Quelle: Tabakatlas, DKFZ)

Die Größe eines Neugeborenen von Rauchern und Nichtrauchern  im Vergleich

Quelle: Tabakatlas DKFZ/ Fotos: © Andrey Bandurenko/Fotolia | © Dmitry Vereshchagin/ Fotolia

Rauchen verursacht Fehlbildungen beim Baby

Doch das Gewicht des Kindes ist nicht das Einzige, das sich negativ verändert. Rauchende Mütter setzen ihre Kinder einem extrem hohen Gesundheitsrisiko aus. Denn die Kleinen haben eine verringerte Lungenfunktion, erkranken häufiger an Asthma und Allergien und haben ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen wie Gaumenspalten. Aber auch Verhaltens- und Konzentrationsstörungen wie ADHS führen Wissenschaftler und Ärzte zum Teil auf Folgeerscheinungen von Rauchen in der Schwangerschaft zurück. Das Risiko für diese Verhaltensauffälligkeiten beträgt bei rauchenden Schwangeren 22 Prozent. Bei Nichtraucherinnen liegt der Durchschnittswert bei nur 8 Prozent, wie auf rauchfrei-info.de, dem Infoportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), nachzulesen ist. Nicht zuletzt steigert es auch das Risiko für den plötzlichen Kindstod (SIDS). Genauso sind die Spätfolgen für dein Kind erschreckend: Mit etwa täglich zehn Zigaretten während der Schwangerschaft, verdoppelst du die Gefahr für dein Kind, später einmal an Krebs zu erkranken

Höheres Risiko für Schwangerschaftskomplikationen

Neben deinem Baby schädigt die gelegentliche Zigarette auch deinen wertvollen Mutterkuchen, die Plazenta. Als Raucherin hast du ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaftskomplikationen wie eine sich vorzeitig ablösende oder eine fehlliegende Plazenta. All das kann zu lebensbedrohlichen Blutungen führen – lebensbedrohlich für dein Kind, aber auch für dich. Zudem treten laut Tabakatlas bei Raucherinnen häufiger Eileiterschwangerschaften, ein vorzeitiger Blasensprung und Fehl- oder Frühgeburten auf. Schon bei bis zu sechs Zigaretten pro Tag steigt das Risiko einer Frühgeburt um neun Prozent, bei mehr als 15 Zigaretten ist es um 58 Prozent erhöht. (Quelle: BZgA)

Rauchende Schwangere gelten als Hochrisikogruppe

Nun wäre es natürlich einfach, alle rauchenden Schwangeren pauschal zu verurteilen. Aber jede Frau, die schon einmal an einer Zigarette gezogen hat, weiß: Ganz so einfach ist es eben doch nicht aufzuhören. Deswegen ist es so enorm wichtig, schon früh über alle Risiken aufzuklären. Am allerbesten hört eine Frau bereits mit dem Rauchen auf, wenn sie ein Kind bekommen möchte. Denn Rauchen hat auch negative Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit der Frau sowie die Qualität der Spermien bei männlichen Rauchern. Während manche Frauen den Glimmstängel verbannen sobald der Schwangerschaftstest positiv ist, fällt es anderen deutlich schwerer von dem Suchmittel zu lassen. Wenn du auch zur zweiten Gruppe gehörst, solltest du unbedingt so schnell wie möglich mit deinem Arzt sprechen. Er kann dir helfen, das Rauchen endlich aufzugeben, wie auch Dr. Katrin Schaller uns verraten hat: "Empfohlen werden psychotherapeutische Verfahren und Beratung, Intensivberatung, Verhaltensmodifikation und Motivational Enhancement; niedrigschwellige Angebote wie Selbsthilfemanuale, Infomaterial und Quickguides können schwangeren Frauen angeboten werden. Wegen der reduzierten Wirksamkeit bei gleichzeitig erhöhtem Risiko unerwünschter Nebenwirkungen, sollten Arzneimittel zur Tabakentwöhnung bei Schwangeren nicht angeboten werden. Wobei in begründeten Ausnahmefällen das Angebot von Nikotinpflastern, -inhalern, -tabletten oder -kaugummis vom Arzt erwogen werden kann. Dann allerdings nur unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung."

Die Wissenschaft hat das letzte Wort

"Ach, eine Kippe ab und zu ... Das schadet nicht." Doch! Das tut sie. Forscher und Ärzte sind sich absolut einig und geben deswegen eine klare Stellungnahme ab: "Die Evidenz für die enormen Gesundheitsrisiken des Tabakrauchens für die schwangere Frau und den Fetus hat sich in den letzten Jahren massiv verdichtet. Rauchen in der Schwangerschaft ist mit einer deutlich erhöhten Rate von Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, Reifungsstörungen bzw. verzögerter Entwicklung, somatischen Erkrankungen in der Kindheit (und im Erwachsenenalter) und psychischen Störungen verbunden. Offenbar stellt eine pränatale Tabakexposition einen eklatanten Vulnerabilitätsfaktor für die Gesundheit des Kindes dar." (S3-Leitlinie „Screening, Diagnostik und Behandlung des schädlichen und abhängigen Tabakkonsums” der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) – Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

Rauchen in der Schwangerschaft – aufhören oder reduzieren? pin

Nur 10 Zigaretten am Tag in der Schwangerschaft, verdoppeln die Gefahr für das Kind später an Krebs zu erkranken.

MeinSpatz Gezwitscher

Du bist Raucherin und möchtest ein Baby oder bist vielleicht schon schwanger? Jetzt willst du aufhören, weiß aber nicht wie? Keine Angst, du bist nicht allein. Auf iris-plattform.de, einer Kooperation der Uni Tübingen mit der BZgA findest du professionelle Hilfe, um rauchfrei durch deine Schwangerschaft zu gehen. Dringende Fragen werden dir auch am Beratungstelefon der BZgA-Telefonberatung zur Rauchentwöhnung beantwortet.