Wir sind schwanger – Wie ein Papa die Schwangerschaft erlebt

MONTAG, 08.01.2018

Für praktisch alle Anlässe haben wir Menschen passende Klamotten im Schrank. Doch was trägt Mann, wenn er erfährt, dass er Vater wird?

Ich stecke – beruflich bedingt – im Trikot der sowjetischen Fußballnationalmannschaft. Warum, erkläre ich gleich. Zitternd vor Aufregung, halte ich mein Handy ans Ohr. Was mir meine Freundin zu sagen hat, verlangt eigentlich nach einem Stuhl. Aber selbst, wenn einer da wäre: Ich würde mich nicht setzen. Denn zu dem, was meine Freundin mir mitzuteilen hat, muss ich stehen.

Ich bin nicht alleine im Raum. Zwei Fragezeichen stehen vor mir, die eben noch meine Kollegen waren. Die Freude über die Nachricht hat mir die Sprache verschlagen. Ich habe sie „vorgewarnt“ meine Kollegen, sie vorbereitet auf das, was jetzt wahr geworden ist. Meine Freundin, rund 400 Kilometer von mir entfernt, sitzt in einer Apotheke. Aus ihrer Sicht äußerst praktisch, in solchen Momenten jemanden gut zu kennen, der eine Apotheke betreibt.

Der Test

Sie ist umgeben von Freunden. Sie haben einen Schwangerschaftstest eingekreist und klopfen ihn auf seinen Wahrheitsgehalt ab. Was er anzeigt, ist nicht diskutabel. Ihr Freund, der Apotheker, ist sich sicher, das zu sehen, was mir kurz drauf die Sprache verschlagen wird.

Vor den Augen meiner Kollegen. Sie sind der erste Kreis, den ich einweihe. „Wir werden Eltern!“ Diesen Satz meiner heutigen Ehefrau werde ich nie vergessen. Ich übersetze ihn für meine Kollegen: „Ich werde Vater, Jungs.“ Ihnen fehlt zunächst genauso der Glaube wie mir.

Nochmal zurück zum Trikot: Wir haben in den letzten Stunden eine Folge unserer kleinen Internet-Sendereihe gedreht. Sie handelte vom EM-Teilnehmer Russland. Im bevorstehenden Sommer werden die Russen in Österreich und der Schweiz gegen 15 andere Mannschaften um den Titel ringen. Zu diesem wichtigen Anlass huldige ich modisch gesehen also der sowjetischen Fußballnationalmannschaft. Ich ringe noch immer um Fassung und versuche, Gefühle und Gedanken zu ordnen. Vater! Ich! Unglaublich!

Meine Kollegen

Meine Kollegen sind aus dem Häuschen. Natürlich müssen das gleich alle anderen Kolleginnen und Kollegen, die sich nicht mit uns in dieser kleinen Umkleidekabine befinden, wissen. Sie sitzen ahnungslos ein paar Etagen höher und gehen ihrer Arbeit nach. Wie immer.

Für sie ist es ein Tag. Für mich ein Meilenstein. Nichts ist seit eben wie immer. Ein Satz hat mein Leben verändert. In wenigen Sekunden. Es ist nicht mehr mein Leben, es wird unser Leben. Es wächst heran im Bauch einer Frau, die ich seit sechs Wochen kenne. Die ich aber auch seit sechs Wochen liebe. Und deshalb ist das alles gut so. Es soll so sein, es muss so sein. Ich werde es meinen Eltern sagen. Hoffentlich schaffe ich es, ehe mir meine Freudentränen die Stimme ersticken.

Meine Eltern kennen meine Freundin noch gar nicht, außer von Bildern und aus meinen Schilderungen. Sie haben bereits miteinander telefoniert, ja. Aber wenn sie sie zum ersten Mal treffen werden, wird sie schwanger sein. Sie wird ihr Enkelkind unter dem Herzen tragen.

Mein Bruder

Jenes Enkelkind, das meine Eltern von meinem Bruder erwartet hatten. Doch ehe mein Bruder Vater werden konnte und durfte, ist er gestorben. Über Nacht. Aus dem Nichts. Das ist noch kein Jahr her. Ich weiß genau, dass er, von dort, wo er jetzt ist, diesen Moment mit eingefädelt hat. Ein neues Leben. Über Nacht. Wie aus dem Nichts.

Ich war auch nicht „geplant“. Ich habe 35 Jahre zuvor die angestrebte Rallye-Karriere meiner Eltern zerstört. Ich war schneller als ihr Ford Capri. Und dann auch noch nach bloß sieben Monaten auf der Welt. Ich habe mich durchgekämpft um zu überleben. Ich wünsche mir nicht, dass unser Kind das auch wird tun müssen.

Meine beiden Kollegen und ich platzen mit meiner Neuigkeit mitten hinein in den Redaktionsalltag. Mit dieser Schlagzeile hat niemand gerechnet. Und ich nicht mit der Reaktion der Kollegen: Sie schicken mich umgehend nach Hause. 400 Kilometer. Ich habe eigentlich noch zwei Arbeitstage vor mir, ehe ich wieder heim darf. Doch jetzt gehörte ich zur werdenden Mutter, sagen sie, und nirgendwo anders hin.

Meine Eltern

Ehe ich die werdende Mutter in die Arme schließen kann, eröffne ich meinen Eltern, dass sie in absehbarer Zeit Großeltern sein werden. Die Freude darüber überwältigt sie. Nach dem plötzlichen Tod meines Bruders erhält Ihr Leben einen neuen Sinn. Worte reichen nicht, um eine solche Szene zu beschreiben.

Ihnen, vor allem aber mir, bleiben jetzt ungefähr neun Monate Vorbereitungszeit auf die neue Rolle, die immer nur für die Frau eine tragende ist. Wie positioniere ich mich als angehender Papa? Und wieviel Informationen muss ich haben, um keine Fehler zu machen? Soll ich im dafür vorgesehenen Regal der Bücherei mit der Suche nach schlauen Ratgebern beginnen? Und gehöre ich bald auch zu jenen Männern, die anderen von ihren Erlebnissen aus dem Schwangerschaftskurs erzählen? Geschichten, die schon tausend Mal erlebt und erzählt worden sind? Ich will das nicht. Ich will auch noch ein „normaler“ Mann bleiben. Es wird aber unvermeidlich sein, aus dem einen Kreis (dem ohne Kind) ein Stück weit auszuscheiden, weil der andere Kreis (der mit Kind) ruft.

Meine Freundin soll alle Unterstützung von mir erhalten, die ich in der Lage bin, ihr zu geben. Ein Kind ist ein gemeinsames Projekt: von der Produktion bis zur Fertigstellung.

Unser „Zellhäuflein“

Von einem Kind aber kann ja noch keine Rede sein. „Zellhäuflein“ trifft es besser. „Zellhäuflein“ wird der „Arbeitstitel“ unserer Schwangerschaft. Denn mehr als ein „Zellhäuflein“ ist auf seinem ersten Foto nicht zu erkennen. Ultraschall nennt sich die Technik, die dieses Wunder möglich macht. Jemanden auf ein Foto zu bannen, der vom Recht am eigenen Bild noch keine Ahnung hat. Wir sammeln in den folgenden Monaten mehrere davon. Ich hätte nie gedacht, in meinem späteren Leben, dem als Vater, Besuche bei einer Frauenärztin mal zu vermissen, weil ich mich an sie gewöhnt habe. An die Besuche, wohlgemerkt.

„Zellhäuflein“ hält uns auf Trab, ohne auch nur ansatzweise das Licht der Welt erblickt zu haben. Für diesen Moment will alles vorbereitet sein: Unterbringung und Verpflegung, Einkleidung und Mobiliar, sanitäre Anlagen. Nicht zu vergessen die Bereifung. Ich habe bis dahin keine Ahnung, wie viele verschiedene Kinderwägen es gibt. Und dass sie inzwischen preislich mit Flachbildfernsehern konkurrieren. Auf einem Flachbildfernseher aber liegt es sich so unbequem. Und Räder hat er auch keine.

Wir müssen neun Monate im Voraus planen, ohne eine Ahnung davon zu haben, was in neun Monaten sein wird. Es ist das pure Vertrauen in das Funktionieren der Natur. Es ist die Hoffnung, dass die Natur so funktioniert, wie der Mensch es sich wünscht. Wenigstens habe ich nie geraucht, Drogen genommen oder gesoffen. Gleiches gilt für meine Frau. Viel mehr konnten und können wir für unser werdendes Leben vorläufig nicht tun. Doch: lieb sein zueinander. Denn das spürt ein Kind, ob ungeboren oder geboren.

Meine Oma

Der Mensch ist seltsam. „Herrgott, Du hast einen großen Tiergarten“, pflegt meine Oma, die auf dem Weg zur Ur-Oma ist, immer zu sagen. Wie recht sie hat. Die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen sind manches Mal skurril und eigenartig, auf jeden Fall oft individuell. Wenn die Menschen allerdings schwanger sind, ist es vorbei mit der Individualität. Wünsche und Sehnsüchte schrumpfen dann auf einen einzigen gemeinsamen Nenner zusammen: Gesundheit.

An was alles zu denken ist: In Drogeriemärkten, Second-Hand-Shops, in Möbelhäusern und Arzt-Praxen, prallen wir aufeinander, wir Väter im Werden. Brav und randvoll mit Fürsorge für sie, begleiten wir die Mütter im Werden. Sie haben immerhin die Last in Form einer wachsenden Kugel zu tragen und werden irgendwann kurzatmig werden. Deshalb sollen die werdenden Väter auch irgendwann mitatmen.

Der Klassiker des gemeinsamen Wehenveratmens auf einer bunten Partnermatte aber bleibt mir erspart, meiner Arbeitszeiten wegen. Wehen veratmen. Mit der Idee hätten sie mal unseren Vätern kommen sollen.

Die Geburtsposition

Wir werden keine Wehen haben. Das steht zeitig fest. Unser Kind hat keine Lust, die vorgeschriebene Geburtshaltung einzunehmen. Unser Kind verweigert sich hartnäckig allen Versuchen, es zu drehen. Es hat seinen eigenen Kopf. Und der bleibt oben. Erinnert mich an meinen „Beschluss“, die angebotene Tragzeit von neun Monaten dankend abzulehnen und bereits nach sieben Monaten da draußen nach dem Rechten zu schauen.

Im Bauch sitzend, lässt sich unser Kind auch von brennenden Moxa-Zigarren, die am Körper seiner werdenden Mama entlanggleiten, nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Eine Hebamme, die bei uns plötzlich regelmäßig ein- und ausgeht, gibt alles. Sie „moxt“. So nennt sich das Erwärmen bestimmter Körperstellen meiner Frau, um unser Kind zur gewünschten Reaktion zu veranlassen. Erfolglos.

Auch eine so genannte „äußere Wendung“ führt nicht zur inneren Drehung. Mir wird direkt mulmig, als ich im Krankenhaus Zeuge dieses Versuchs der Ärztin werde, unser Kind mit sanfter Gewalt in die richtige Position zu bringen. Fortan hat unser einstiges „Zellhäuflein“ von derlei Eingriffen Ruhe.

Der Bauch

Ich störe es allerdings regelmäßig vor dem Zubettgehen. Denn dann vernimmt es die Stimme seines Erzeugers. Ich werde zum Bauchredner. Revier markieren. Dann weiß das zu Gebärende gleich, mit wem es zu tun haben wird. Kann nicht schaden.

Mit wem wir es zu tun bekommen werden, wissen wir nicht. Wir legen uns vorsichtshalber zwei Vornamen zurecht. Warum sollten wir „unserem“ Bauch dessen letztes Geheimnis entreißen? Ich kann die Ungeduld anderer werdender Eltern diesbezüglich nicht nachvollziehen. Mir hätte es im Nachhinein keinen Meter weitergeholfen zu wissen, ob unter dem Herzen meiner Freundin ein Männlein oder ein Weiblein heranwächst. Im Gegenteil: Dieses überflüssige Wissen hätte mich um einen der spannendsten Momente meines Lebens gebracht.

Die Frauenärztin sagt irgendwann nur: „Ich könnte ihnen jetzt sagen, was es wird, werde es Ihnen aber selbstverständlich nicht verraten.“

Der Geburtsstress

Wir erfahren es, als es soweit ist. Das Erlebnis einer natürlichen Geburt bleibt uns aber verwehrt. Das liegt nicht nur an der sitzenden Position unseres Kindes. Das Becken meiner Frau ist zu schmal. Dass sie für die Vermessung in die Röhre (MRT) muss, stresst unser Kind spürbar. Mir bleibt er dafür erspart. Der Stress einer natürlichen Geburt. Die hätte mein Gemüt nicht gepackt. Ich kann nicht mal mein eigenes Blut sehen. Der vorgenommene Kaiserschnitt beansprucht meine Psyche zur Genüge.

Er steht am Ende einer Schwangerschaft, die ich nur weiterempfehlen kann. Ich habe an einer Puppe das Wickeln gelernt und mein Wissen anschließend einige Male unfallfrei umgesetzt. Meine Freundin hat keine Gurken in Himbeereis getunkt oder sich unausgesetzt übergeben. Ich weiß, dass das ein Geschenk ist. Denn die Natur ist unberechenbar. Es ist – auch, wenn dazu kein abgeschlossenes Studium notwendig ist – nicht selbstverständlich, schwanger zu werden. Es ist genauso wenig selbstverständlich, ein gesundes Kind zu bekommen. Wer eines hat, oder sogar mehrere, sollte nie vergessen, dieses Glück zu schätzen.

Schwangerschaft: Ein Papa-Erfahrungsbericht pin

Bei uns kommen auch Papas zu Wort! Ein Erfahrungsbericht: Wie erlebt ein Vater die Schwangerschaft. 

MeinSpatz Gezwitscher

Endlich erhalten wir auch mal einen Einblick in die Psyche des „schwangeren“ Mannes. Vielen Dank für diese wunderbare Unterhaltung und die emotionalen Einblicke.